Pink Viagra

 Pink Viagra  


Als im Oktober 1998 die blaue "Wunderpille" Viagra auf den deutschen Markt kam, hat sie ein großes Medienecho hervorgerufen. Bald darauf erschienen auch Nachfolgepräparate. Seitdem hat man versucht, ein entsprechendes Medikament auch für Frauen zu entwickeln, was aber wegen der unterschiedlichen Art der Sexualitätsreize bei Männern und Frauen sehr viel schwieriger ist.

Bei der Suche nach einem Antidepressivum stieß man auf den Wirkstoff Flibanserin, der nur wenig antidepressiv wirkte, aber im Tierversuch fand man zufällig einen gesteigerten Sexualtrieb. In drei Studien bekamen daraufhin mehr als tausend Frauen das Medikament, eine gleich große Anzahl von Frauen wurde mit einem Placebo behandelt. Die Frauen mussten noch vor der Menopause sein und mindestens ein Jahr in einer festen, monogamen Partnerschaft leben. Über 24 Wochen sollten die Teilnehmerinnen ihr Lustempfinden in einem elektronischen Tagebuch festhalten [1]. In beiden Gruppen nahm die Anzahl der "sexuell befriedigenden Ereignisse", was im Volksmund "guter Sex" heißt, zu. Allerdings war der Effekt des Flibanserins enttäuschend, denn es konnte zwar eine leichte Steigerung der sexuellen Befriedigung gezeigt werden, jedoch keine Verbesserung des Sexualverlangens. Dafür traten in mehr als 10% Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit auf. In 1 bis 10% litten die Frauen unter Schlaflosigkeit, Angstzuständen. Mundtrockenheit, Bauchschmerzen, Verstopfung, nächtliches Harnlassen und Stress. Ebenso war das Unfall- und Verletzungsrisiko nach Einnahme von Flibanserin wegen der sedierenden Nebenwirkungen erhöht [11][3]. Dabei ist vor allem zu bedenken, dass Flibanserin täglich eingenommen werden muss, während z.B. Viagra nur bei Bedarf zu verwenden ist. Ein weiterer sehr entscheidender Nachteil ist, dass sich die Nebenwirkungen bei der Anwendung der Antibabypille, bestimmten, aber verbreiteten Psychopharmaka und dem Genuss von Alkohol noch erheblich verstärken. Daraufhin stellte die entwickelnde Firma Boehringer-Ingelheim die weitere Entwicklung des Medikaments ein. Über verschiedene Patentverkäufe wurde das Präparat so entwickelt, dass es schließlich 2015 in den USA unter dem Namen Addyi zur Behandlung der hypoaktiven Sexualfunktionsstörung (HSDD) für Frauen zugelassen wurde. Dieses wurde bald bekannt unter dem volkstümlichen Namen "Pink Viagra". In Europa ist dieses Medikament in keinem Land zugelassen worden. [4-9]

Wie wirkt die Pink Viagra überhaupt?

Wenn beim Mann eine sexuell stimulierende Situation nicht zu einer Erektion führt, kann die Einnahme von Sildenafil (Viagra), Tadalafil, Vardenafil und Avanafil helfen, indem durch eine Verstärkung des Einströmens von Blut in den Penis eine Erektion verbessert wird. Diese Stoffe wirken also direkt im Penis. Eine "Lustpille" müsste direkt im Kopf ansetzen und das tut Flibanserin auch. Es erhöht die Aktivität der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin (Sexualität steigernd) und senkt die des Serotonins (Sexualität hemmend) [2].

«Nur zwischen 8 und 13 Prozent der Frauen haben überhaupt eine «Verbesserung» erfahren - als Verbesserung galt dabei bereits eine halbe «sexuell befriedigende Erfahrung» mehr im Monat», erklärt Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS). Die eigentlichen Probleme seien oft nicht medikamentös zu lösen. «Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts». [12]

Die Psychologin Verena Klein vom Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fürchtet, dass mit Addyi die Sexualität der Frau in den Bereich der Krankheit rückt. «Es wird so getan, als gäbe es ein Defizit der Frau, das durch ein Medikament behoben werden könne», sagt die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). [12]

Die Entwicklung des Medikaments hat zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen. Das British Medical Journal hat sogar behauptet, dass die Pharmaindustrie mit der geringen Libido der Frau ein eigenes Krankheitsbild geschaffen hat, um das Medikament besser vermarkten zu können. Da sexuelle Lust bei Frauen völlig anders getriggert wird als bei Männern sind rein pharmakologische Ansätze der Steigerung der weiblichen Libido eher zum Scheitern verurteilt. Als Lösung bleiben eine gute Partnerschaft, vertrauensvolle Gespräche und etwas Romantik.

 

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Quellen

[1] Süddeutsche Zeitung, 11.06.2015

[2] F. Borsini, K. Evans, K. Jason, F. Rohde, B. Alexander, S. Pollentier: Pharmacology of flibanserin. In: CNS Drug Rev. Band 8, Nr. 2, 2002, S. 117–142, PMID 12177684.

[3] Background Document for Meeting of Advisory Committee for Reproductive Health Drugs (June 18, 2010). NDA 22-526. Flibanserin. (Proposed trade name: Girosa). Boehringer Ingelheim. (PDF; 3,9 MB) Division of Reproductive and Urologic Products Office of New Drugs Center for Drug Evaluation and Research, Food and Drug Administration, 20. Mai 2010, abgerufen am 3. Juli 2010.

[4] M. Poplawska, A. Blazewicz, P. Zolek, Z. Fijalek: Determination of flibanserin and tadalafil in supplements for women sexual desire enhancement using high-performance liquid chromatography with tandem mass spectrometer, diode array detector and charged aerosol detector. In: J Pharm Biomed Anal., 94, Jun 2014, S. 45–53. PMID 24531007

[5] D. Biermann: Flibanserin fällt bei FDA durch. In: Pharmazeutische Zeitung. Nr. 26, 2010 (pharmazeutische-zeitung.de).

[6] Pharmakonzern stoppt Lustpille für die Frau. In: Spiegel online. 8. Oktober 2010.

[7] FDA approves first treatment for sexual desire disorder. Pressemitteilung der FDA, 18. August 2015.

[8] Sprout Pharmaceuticals Receives FDA Approval of ADDYI™ (Flibanserin 100 MG) (Memento des Originals vom 20. August 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. PM Sprout Pharmaceuticals, 18. August 2015; abgerufen am 19. August 2015.

[9] Übernahme von Sprout Pharmaceuticals: Valeant schluckt Hersteller der Lustpille. (Memento vom 20. August 2015 im Internet Archive) Tagesschau (ARD), 20. August 2015.

[11] Flibanserin. Wikiwand. Erhältlich per Link https://www.wikiwand.com/de/Flibanserin

[12] Frauenärzte im Netz. Luststeigerndes Medikament für Frauen: Flibanserin. 21. August 2015 Erhältlich per Link https://www.frauenaerzte-im-netz.de/aktuelles/meldung/luststeigerndes-medikament-fuer-frauen-flibanserin/

 

Medizinisch geprüft von:

 Dr. Walter Brinker hat an der Universität von Köln Medizin studiert. Von dort aus ging er an ein großes Leverkusener Krankenhaus und arbeitete dort in der Gynäkologie.

Dank seiner Spezialisierung arbeitet er weltweit an Universitätskliniken an Orten wie Shanghai, New York, Zimbabwe und Polen.


Aktualisiert am 09.11.2022