Tritt beim Orgasmus kein oder kaum Sperma aus? Das kann auf eine retrograde Ejakulation hindeuten, eine seltene, meist ungefährliche Ejakulationsstörung. Erfahren Sie, welche Ursachen dahinterstecken, wie die Diagnose abläuft und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Männer, die nach dem Orgasmus kaum oder gar kein Sperma sehen, erleben möglicherweise eine retrograde Ejakulation, eine seltenere Form verschiedener Arten von Ejakulationsstörungen. Dabei fließt das Sperma rückwärts in die Blase, statt nach außen zu gelangen. Etwa 0,3 bis 2 % aller männlichen Unfruchtbarkeitsfälle gehen auf dieses Konto, nach bestimmten Prostata-Operationen tritt die Störung sogar bei den meisten Patienten auf. [1] Besonders häufig wird sie auch durch Medikamente wie Alphablocker ausgelöst, mit einem Risiko, das je nach Wirkstoff und Dosis stark variiert.
Was ist eine retrograde Ejakulation?
Bei der retrograden Ejakulation fließt das Sperma während des Orgasmus rückwärts in die Blase, anstatt durch die Harnröhre nach außen zu gelangen.
Der männliche Orgasmus folgt normalerweise einem präzisen Ablauf: Spermien wandern blitzschnell durch die Samenleiter in die Harnröhre, während sich gleichzeitig der Blasenhals verschließt. Dieser Verschluss verhindert, dass Sperma in die falsche Richtung, nämlich in die Blase, gelangt.
Bei der retrograden Ejakulation versagt dieser Mechanismus. Der Blasenhalsmuskel bleibt teilweise oder vollständig geöffnet, und das Sperma nimmt den Weg des geringsten Widerstands: rückwärts in die Blase. [1]
Beim Samenerguss arbeiten zwei Nervensysteme zusammen: Das sympathische System (der „Türsteher") verschließt den Blasenausgang, damit kein Sperma in die Blase gelangt. Das parasympathische System (der „Pumpen-Koordinator") steuert die Muskulatur, die das Sperma nach außen befördert. Ist der Blasenverschluss gestört, etwa durch Nervenschäden oder Medikamente, kommt es zu einem Samenerguss nach innen. [2]
Mediziner unterscheiden zwischen einer vollständigen retrograden Ejakulation, bei der praktisch das gesamte Ejakulat in die Blase gelangt, und einer partiellen Form, bei der noch etwas Sperma den Weg nach außen findet.
Ist retrograde Ejakulation gefährlich?

Die kurze Antwort: Nein.
Eine retrograde Ejakulation verursacht weder Schmerzen noch gesundheitliche Schäden. Männer spüren weiterhin den Orgasmus in voller Intensität, nur das sichtbare Ergebnis fehlt.
Die Erektion bleibt unbeeinflusst, das sexuelle Vergnügen bleibt erhalten. Nach dem Sex kann der Urin milchig-trüb erscheinen, da er das umgeleitete Sperma enthält. [3]
Manche Männer berichten von einem minimal veränderten Gefühl beim Höhepunkt, da der übliche Druck beim Samenerguss fehlt. Die Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur laufen jedoch normal ab, und die Orgasmusintensität bleibt komplett erhalten. [4]
Die Hauptfolge der retrograden Ejakulation ist meist eine eingeschränkte männliche Fruchtbarkeit, da die Spermien nicht aus dem Körper ausgestoßen werden. Gesundheitlich ist das unbedenklich, es kann jedoch zu psychischer Belastung führen, wenn ein Kinderwunsch besteht.
Symptome und Diagnose der retrograden Ejakulation
Ein weit verbreiteter Mythos ist, dass die retrograde Ejakulation zu Blasenentzündungen oder Harnwegsinfektionen führt. Das Sperma im Urin verursacht jedoch keine Infektionen, da es körpereigen und steril ist. Auch Schmerzen entstehen bei der retrograden Ejakulation nicht.
Die Anzeichen folgen einem charakteristischen Muster:
1. Wenig bis gar kein Sperma beim Orgasmus
Der auffälligste Hinweis zeigt sich direkt beim Höhepunkt. Normalerweise treten etwa 2 bis 5 Milliliter Sperma aus. [12] Männer mit vollständiger retrograder Ejakulation produzieren oft nur wenige Tropfen oder gar nichts, bei der partiellen Form vielleicht einen halben Milliliter statt der üblichen Menge.
Dieses Symptom allein könnte aber genauso gut auf eine Anejakulation hindeuten, bei der erst gar kein Samenerguss beim Mann zustande kommt.
2. Trüber Urin nach dem Geschlechtsverkehr
Das rückwärtsgeflossene Sperma sammelt sich in der Blase und vermischt sich dort mit dem Urin. Beim ersten Toilettengang nach dem Sex, manchmal erst Stunden später, erscheint der Urin milchig-weiß oder gelblich-trüb, fast wie verdünnte Milch. Manche Männer bemerken auch kleine weißliche Flocken im Urin. Diese Trübung ist harmlos und normalisiert sich nach ein bis zwei Toilettengängen wieder.
3. Vollständig erhaltenes Orgasmusgefühl
Die Intensität des Orgasmus bleibt komplett erhalten. Männer spüren die gleiche Erregungssteigerung, den gleichen Höhepunkt und die gleiche Entspannung danach. [4]
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die entscheidende Untersuchung ist ein Urintest direkt nach der Ejakulation. Findet sich dabei eine unverhältnismäßig hohe Zahl an Spermien im Urin statt im Ejakulat selbst, gilt die retrograde Ejakulation als bestätigt. [14] Diese Urin-Trübung nach dem Sex ist zugleich der eindeutige Unterschied zur Anejakulation, bei der die Ejakulation komplett ausbleibt und keine Spermien im Urin nachweisbar sind. [1]
Bei Männern mit nur partieller retrograder Ejakulation fällt das Problem oft erst im Rahmen von Kinderwunsch-Untersuchungen auf, da die Ejakulation äußerlich noch teilweise funktioniert.
Welche Ursachen hat eine retrograde Ejakulation?
Die Ejakulation nach innen hat fast immer organische Gründe. Psychologische Faktoren spielen hier, anders als bei anderen Ejakulationsstörungen, kaum eine Rolle. [5]
Chirurgische Eingriffe
Es gibt Prostatabeschwerden, die die Sexualität oder das Wasserlassen so stark beeinflussen, dass eine Operation notwendig wird. Nach einer transurethralen Resektion der Prostata (TURP) erleben die meisten Männer eine retrograde Ejakulation, da der Eingriff die Anatomie des Blasenhalses dauerhaft verändert. [6]
Zu beachten ist, dass eine Prostata-Operation neben der Ejakulation auch die Erektionsfähigkeit beeinflussen kann. In solchen Fällen können PDE-5-Hemmer wie Sildenafil oder Tadalafil bei der Behandlung erektiler Dysfunktion eingesetzt werden — unabhängig von der retrograden Ejakulation, die sie weder verursachen noch verschlechtern.
Neurologische Erkrankungen
Diabetes mellitus schädigt mit der Zeit die Nerven, die den Blasenhals steuern. Multiple Sklerose und Rückenmarksverletzungen können denselben Effekt haben.
Retrograde Ejakulation durch Medikamente
Ein trockener Samenerguss durch Medikamente überrascht viele Patienten. Am häufigsten sind Alphablocker verantwortlich, die bei Bluthochdruck oder einer gutartigen Prostatavergrößerung (BPH) verschrieben werden. Sie entspannen gezielt die glatte Muskulatur am Blasenhals, dieselbe Wirkung, die auch den Blasenhalsverschluss beim Samenerguss stört. Das Risiko unterscheidet sich dabei deutlich je nach Wirkstoff und Dosis:
|
Wirkstoff |
Typ |
Ejakulationsstörung (Häufigkeit) |
|---|---|---|
|
Tamsulosin |
Alpha-1A-selektiv |
ca. 8,4 % bei 0,4 mg/Tag, bis zu 18,1 % bei 0,8 mg/Tag; in Langzeitstudien bis zu 30 % [7] |
|
Silodosin |
Alpha-1A-selektiv |
ca. 22 bis 23 %, damit höher als bei Tamsulosin [15] |
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Alfuzosin |
nicht-selektiv |
niedrigere Rate als Tamsulosin/Silodosin, dafür mehr Kreislauf-Nebenwirkungen [7] |
|
Doxazosin / Terazosin |
nicht-selektiv |
unter 1,5 % [7] |
Stand: Juli 2026. Angaben schwanken je nach Studie und individueller Veranlagung; die tatsächliche Häufigkeit sollte immer im Beipackzettel bzw. mit dem behandelnden Arzt/der Ärztin besprochen werden.
Auch bestimmte Antipsychotika mit α1-adrenolytischer Wirkung, etwa aus der Gruppe um Thioridazin, Clozapin oder Risperidon, können eine retrograde Ejakulation auslösen. [16] Ebenso stehen manche Antidepressiva im Verdacht, die Ejakulation auf diesem Weg zu beeinflussen.
Die gute Nachricht: Wird das auslösende Medikament abgesetzt oder umgestellt, normalisiert sich die Ejakulation in der Regel wieder. Medikamente sollten jedoch niemals eigenmächtig abgesetzt werden. Dies gilt für alle verschreibungspflichtigen Präparate und muss immer mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin abgestimmt werden.
Wie erfolgt die Behandlung einer retrograden Ejakulation?

Die Therapie richtet sich nach der Ursache und dem Leidensdruck. Männer ohne Kinderwunsch brauchen oft gar keine Behandlung.
Lässt sich die retrograde Ejakulation medikamentös behandeln?
Liegen Nervenschäden durch Diabetes oder andere Erkrankungen vor, können Medikamente helfen, die den sympathischen Tonus verstärken und den Blasenhalsverschluss unterstützen, etwa Pseudoephedrin oder Imipramin. Bei rund einem Drittel der behandelten Männer bessert sich die Situation dadurch. Wer diese Wirkstoffe einnimmt, sollte Herzfrequenz und Blutdruck regelmäßig ärztlich kontrollieren lassen, da beide ansteigen können. [14]
Sympathomimetika
Diese Wirkstoffe zeigen bei diabetischer Neuropathie oft Erfolge. Patient/innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen jedoch vorsichtig sein, da die Medikamente Blutdruck und Puls erhöhen können.
Parasympatholytika
Die Erfolgsrate liegt bei alleiniger Anwendung bei etwa 22 %, in Kombination mit Sympathomimetika steigt sie auf rund 39 %. Mögliche Nebenwirkungen sind unter anderem Krämpfe, Übelkeit, Durchfall und Bluthochdruck. [5, 8]
Alternative Ansätze
Einige Ärzte/Ärztinnen experimentieren mit Kollagen-Injektionen in die Harnröhre. Eine Studie bei Diabetikern zeigte nach zwölf Monaten verbesserte Ejakulatvolumina, Langzeitdaten fehlen allerdings noch. [13]
Grenzen der Behandlung
Nach Prostata-Operationen mit dauerhaften anatomischen Veränderungen helfen Medikamente meist nicht. Die chirurgische Rekonstruktion des Blasenhalses wurde in kleinen Fallserien der 1980er Jahre beschrieben, gilt aber weiterhin als experimentell. [9]
Fruchtbarkeit bei retrograder Ejakulation
Für Paare mit Kinderwunsch kann die retrograde Ejakulation zum Problem werden. Ohne ausreichend Sperma im Ejakulat wird eine natürliche Schwangerschaft unwahrscheinlich. [10, 11]
|
Methode |
Vorgehen |
Besonders geeignet für |
|---|---|---|
|
Spermiengewinnung aus dem Urin |
Urin wird vor der Ejakulation durch Natriumbicarbonat alkalisiert, um die Spermien zu schützen; Aufbereitung im Labor |
Männer mit ausreichend beweglichen Spermien im Urin |
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Intrauterine Insemination (IUI) |
Aufbereitete Spermien werden direkt in die Gebärmutter eingebracht |
Gute Spermienqualität, jüngere Partnerin |
|
In-vitro-Fertilisation (IVF/ICSI) |
Befruchtung im Labor, ggf. Einzelspermien-Injektion (ICSI) |
Eingeschränkte Spermienqualität oder erfolglose IUI |
|
Testikuläre Spermienextraktion (TESE) |
Spermien werden direkt aus dem Hodengewebe entnommen |
Keine verwertbaren Spermien im Urin auffindbar |
Praktische Tipps für betroffene Paare
Der Weg zum Wunschkind erfordert oft Geduld. Reproduktionsmediziner/innen empfehlen:
- Frühzeitige Diagnostik beim Urologen/der Urologin
- Optimierung behandelbarer Grunderkrankungen (z. B. Diabetes-Einstellung)
- Medikamentöse Therapieversuche vor invasiven Maßnahmen
- Psychologische Unterstützung bei Bedarf
Welche Folgen hat die retrograde Ejakulation für Partnerschaft und Psyche?

Egal ob Anejakulation, ein vorzeitiger Samenerguss oder eine retrograde Ejakulation, alle Ejakulationsstörungen können Partner/innen belasten. Männer zweifeln an ihrer Männlichkeit, Frauen fragen sich, ob sie noch begehrenswert sind. Offene Kommunikation hilft: Der fehlende Samenerguss hat nichts mit mangelnder Erregung oder Liebe zu tun.
Sexualberater/innen raten:
- Fokus auf Intimität statt auf Leistung legen
- Alternative Formen der Nähe erkunden
- Professionelle Paarberatung bei anhaltenden Problemen
Leben mit retrograder Ejakulation
Viele Männer arrangieren sich gut mit ihrer Situation. Sie genießen weiterhin erfüllenden Sex und schätzen sogar praktische Vorteile: keine Flecken, keine Verhütungssorgen. Für kinderlose Paare ohne Kinderwunsch kann die retrograde Ejakulation sogar als natürliche Verhütung dienen, wobei sie keinen hundertprozentigen Schutz bietet.
Prävention und Früherkennung
Mit etwas Aufmerksamkeit lässt sich in vielen Fällen einer retrograden Ejakulation vorbeugen:
- Männer mit Diabetes sollten ihren Blutzucker optimal einstellen, um Nervenschäden vorzubeugen.
- Vor geplanten Prostata-Operationen lohnt das Gespräch über nervenschonende Techniken, auch wenn diese nicht immer möglich sind.
- Bei Medikamenten gegen Bluthochdruck oder Depression kann der Arzt/die Ärztin oft Alternativen verschreiben, die seltener eine retrograde Ejakulation verursachen. [2]
Wichtig: Medikamente niemals eigenmächtig absetzen, sondern immer Rücksprache mit dem Arzt/der Ärztin halten.
Häufige Fragen
Ist eine retrograde Ejakulation heilbar?
Das hängt von der Ursache ab. Wird sie durch Medikamente ausgelöst, normalisiert sich die Ejakulation nach dem Absetzen oder Wechseln des Präparats oft von selbst. Bei Nervenschäden durch Diabetes können Medikamente wie Pseudoephedrin oder Imipramin bei etwa einem Drittel der Männer helfen. Nach dauerhaften anatomischen Veränderungen, etwa durch eine Prostata-Operation, ist eine vollständige Heilung dagegen selten möglich. [14]
Kann ich trotz retrograder Ejakulation ein Kind zeugen?
Ja, in vielen Fällen. Spermien lassen sich aus dem Urin nach der Ejakulation gewinnen und für eine intrauterine Insemination oder eine künstliche Befruchtung (IVF/ICSI) aufbereiten. Ist das nicht möglich, kann eine testikuläre Spermienextraktion (TESE) infrage kommen. [11]
Welche Medikamente lösen am häufigsten eine retrograde Ejakulation aus?
Alphablocker gegen Bluthochdruck oder eine vergrößerte Prostata sind die häufigste Ursache. Das Risiko ist bei Silodosin und Tamsulosin am höchsten (bis über 20 % je nach Dosis), während nicht-selektive Alphablocker wie Doxazosin oder Terazosin seltener betroffen sind. Auch bestimmte Antipsychotika und Antidepressiva können die Ejakulation beeinflussen. [7, 15, 16]
Woran erkenne ich, ob ich eine retrograde statt einer ausbleibenden Ejakulation habe?
Der entscheidende Unterschied zeigt sich im Urin nach dem Orgasmus: Ist er milchig-trüb und lassen sich darin Spermien nachweisen, liegt eine retrograde Ejakulation vor. Bleiben Trübung und Spermiennachweis aus, handelt es sich eher um eine Anejakulation. [1]
Ist die retrograde Ejakulation schmerzhaft?
Nein. Die retrograde Ejakulation verursacht keine Schmerzen, keine Blasenentzündungen und keine sonstigen körperlichen Beschwerden. Auch das Orgasmusgefühl bleibt vollständig erhalten, lediglich das sichtbare Ejakulat fehlt oder ist stark vermindert. [3, 4]
Fazit
Die retrograde Ejakulation mag zunächst beunruhigen, doch sie ist weder gefährlich noch das Ende eines erfüllten Sexual- oder Familienlebens. Ob durch Prostata-Operationen, Diabetes oder Medikamente wie Tamsulosin und Silodosin ausgelöst, in vielen Fällen lässt sich die Ursache identifizieren und gezielt behandeln. Mit der richtigen medizinischen Begleitung finden die meisten Betroffenen ihren Weg: durch erfolgreiche Therapie, assistierte Reproduktion oder die Akzeptanz eines trockenen, aber dennoch lustvollen Orgasmus.
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