Die Geschichte der kleinen blauen Pille

Die Geschichte der kleinen blauen Pille

Das kleine blaue Wunder wird 21 Jahre alt

Als britische Wissenschaftler in den späten 1980er und frühen 90er Jahren erstmals Sildenafil Citrat untersuchten, suchten sie eigentlich nach einer Behandlung gegen Bluthochdruck. Frühe Testergebnisse waren unauffällig - bis auf ein sehr ungewöhnliches Verhalten aller männlichen Teilnehmer:

Als die Studie beendet war, wollten die Patienten die Medikamente nicht mehr zurückgeben. Erst auf genauere Nachfrage bekamen die Forscher die Antwort, die zum Forschungsdurchbruch und dem späteren Kassenerfolg führen würde: Das Mittel Sildenafil half den Männern dabei, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten. [I]

Viagra wurde ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck getestet.

Was heute als die hauptsächliche Wirkung von Viagra (Sildenafil) bekannt ist – Die Steigerung der Erektionsfähigkeit – war ursprünglich nur eine ungewöhnliche Nebenwirkung. 

Bei den ersten Studien mit Sildenafil stellte sich heraus, dass das Medikament zur Senkung des Bluthochdrucks nicht besonders gut geeignet war. Obwohl Pfizer Sildenafil als erfolgloses Blutdruckmedikament aus der Forschungspipeline nehmen konnte, wurde die unerwartete Nebenwirkung schnell zum Hauptmerkmal des Wirkstoffs. Weitere Tests mit dem Fokus auf die erektile Wirkung des Medikaments folgten. Am 27. März 1998 erhielt Pfizer die Genehmigung der FDA, das neue Medikament unter dem Namen Viagra®, als erste orale Therapie der erektilen Dysfunktion, zu verkaufen. Ein halbes Jahr später wurde das Mittel für Männer in Europa zugelassen.

Die Einführung von Viagra kam zu einer Zeit, in der weder eine breite gesellschaftliche Debatte über sexuelle Probleme stattfand noch effektive und einfach anzuwendende Mittel gegen die damals noch so bezeichnete „Impotenz“ auf dem Markt erhältlich waren.

Die Art und Weise, wie wir über erektile Dysfunktion und sexuelle Gesundheit sprechen und diese behandeln, veränderte sich seitdem für immer. 

[II

Jetzt starten

Als Pfizer 1998 Viagra auf den Markt brachte, erregte es sofort Aufmerksamkeit. Sex Sells -Sex verkauft - vor allem bei Männern, die seit einiger Zeit keinen mehr hatten. Viagra kann mit Sicherheit als eines der erfolgreichsten Medikamente der Welt beschrieben werden. In den ersten zehn Jahren nach seiner Einführung nahmen bereits 35 Millionen Männer in über 120 Ländern die blaue Pille, insgesamt wurden 1,8 Milliarden Tabletten verschrieben. [III]

Man begann über das Problem zu sprechen und beim Namen zu nennen. In einer der ersten Fernsehwerbungen für Viagra zeigte der ehemalige Präsidentschaftskandidat Bob Dole seine Bedenken hinsichtlich erektiler Dysfunktion nach dem Auftreten von Prostatakrebs. In der Werbung forderte Dole die Leute auf, mutig zu sein und sich über Erektionsstörungen zu informieren. [IV]

Aus Impotenz wird erektile Dysfunktion

Pfizer achtete sehr auf die Wortwahl, mit der Viagra beworben wurde. Zuvor hatten viele Ärzte die erektile Dysfunktion als „Impotenz“ bezeichnet. Pfizer verabschiedete sich aufgrund der vielen negativen Konnotationen des viel- und nichtssagenden Wortes „Impotenz“ von dieser Terminologie. Das Wort „Impotenz“ heißt im Lateinischen generell eine „Unfähigkeit, Dinge zu tun“ und hat primär keinen alleinigen Bezug auf die Erektion des Mannes. Insofern empfand die Marketingabteilung von Pfizer den Begriff wahrscheinlich als zu deprimierend und ging davon aus, dass Männer nicht mit einer generellen „Unfähigkeit“ in Verbindung gebracht werden wollten. Mit Viagra gab es nun ein Medikament, dass Ärzte verschreiben konnten und das Wort „Impotenz“ verlor an Bedeutung. [II

Als der gesellschaftliche Diskurs sich hin zur Terminologie der erektilen Dysfunktion verschob, war es plötzlich möglich, mit Männern über das Problem zu reden, und zwar nicht nur über die erektile Dysfunktion, sondern auch über andere Konditionen, die damit verbunden sind. Dies zog aufgrund der vielen potenziell gesundheitlich stark schädigenden Implikationen von Erektionsstörungen weitreichende Konsequenzen nach sich. Es wird davon ausgegangen, dass auch noch zehn Jahre nach der Einführung von Viagra 7 von 10 Männern nicht offen über das Problem reden. Trotzdem handelt es sich hierbei im Vergleich zu vorher schon um einen enormen Fortschritt [III].

Stigma beenden

Als Erektionsstörungen zu einem behandelbaren Zustand wurden, verringerte sich das damit verbundene Stigma. Mehr Männer fühlen sich wohler damit, mit ihren Ärzten über ihre Erektionen zu sprechen. Dies  hat  potenziell lebensrettende Auswirkungen, da  Erektionsprobleme ein Frühindikator für andere schwerwiegende Probleme wie Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen sein können und diese somit früher erfolgreich behandelt werden können. [II] Dies liegt daran, dass die Blutgefäße im Penis kleiner sind als in anderen Körperteilen, was bedeutet, dass Männer hier aufgrund von Gefäßleiden als erstes z. B. noch vor einem Herzinfarkt symptomatisch werden.

Fälschungen

Der Weg zur weltweiten Verbreitung verlief jedoch nicht völlig reibungslos. Mit der Popularität von Viagra wuchs auch die Zahl der Betrüger, die gefälschte Versionen zu ermäßigten Preisen verkauften. Es war ein finanzielles Problem, denn Viagra war und ist ziemlich teuer. Vielfach wurde von Patienten die Chance genutzt, lieber etwas zu bekommen, das eventuell nicht die volle Stärke hat und im schlimmsten Fall sogar gefährlich ist, statt gar nichts. Der Schwarzmarkt für gefälschtes Viagra und „Ersatzmittel“ (wie natürliche Potenzmittel oder Kamagra) boomte und boomt auch heute noch. [V]


Viagra wird 21 Jahre alt

21 Jahre nachdem die „kleine blaue Pille“ bekannt wurde, gehört das Wort „Impotenz“ der Vergangenheit an. Die erektile Dysfunktion betrifft immer noch Millionen von Paaren, aber Sildenafil Citrat ist mittlerweile als kostengünstiges Generikum erschwinglich und wir leben in den ersten Tagen der Telemedizin.

Als Viagra in sein drittes Jahrzehnt eintritt, schwindet das Stigma der ED, schnelle, einfache Online-Arztbesuche sind die Regel und Preise für Rezepte sinken. Original Viagra und Viagra Generika sind online sicher und legal erhältlich und Männer können das Problem der Erektionsstörungen heute besser in den Griff bekommen. [I]

Die Suche nach neuen Anwendungsgebieten – Oder die Suche nach neuen Krankheiten

Mit Einführung immer neuer PDE-5-Hemmer und der Aufhebung des Patentschutzes von Viagra nimmt der Absatz, den Pfizer mit der blauen Wunderpille macht, immer weiter ab. Bereits 2007 berichtete der Spiegel über Versuche, die Wirkung von Viagra auch auf anderen Einsatzgebieten zu testen. Dabei ging es speziell um erste Versuche an Hamstern, mit dem Ziel, durch die Einnahme von Viagra den „Jetlag“ von PatientInnen zu verringern. In diesem Spiegel Artikel kam auch Peter Schönhöfer zu Wort, der bei Transparency International als Pharmaexperte arbeitete, und sagte: „Pfizer wollte Viagra auch als Medikament bei Frauen für das sogenannte Female Sexual Dysfunction Syndrom vermarkten“, dies sei allerdings gar keine offizielle Diagnose gewesen. Der Vorwurf, der bereits 2003 vom British Medical Journal erhoben wurde, war, dass Pfizer diese Krankheit erfand, um den Umsatz eines bereits bestehenden Medikaments zu steigern. [VI]

Jetzt starten


Quellen:

[I] PTAheute, Ulrike Weber-Fina, 12.6.2018, „Potent seit 20 Jahren“; https://www.ptaheute.de/aktuelles/2018/06/12/potent-seit-20-jahren 

[II] Pharmazeutische Zeitung, „Viagra: Ein blaues Wunder wird 20“; https://www.pharmazeutische-zeitung.de/2018-03/viagra-ein-blaues-wunder-wird-20/ 

[III] Journal für Urologie und Urogynäkologie, Steinberg B., 2008, „Aktuelles: Viagra wird 10 Jahre alt“; https://www.kup.at/kup/pdf/7353.pdf 

[IV] YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=oMeulTWdqiY&ab_channel=kansaspolitics  

[V] BKA, Forschungsergebnisse, 28.02.2017, „Arzneimittelkriminalität: ein Wachstumsmarkt“; https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/Forschungsergebnisse/2017AMKErgebnisbericht.html;jsessionid=F42B8DBD4AA85AC415472550CB2FAD9C.live0602 

[VI] Spiegel Online, Holger Dambeck, 23.05.2007, „Die Legende vom omnipotenten Viagra“; https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pharmaforschung-absurd-die-legende-vom-omnipotenten-viagra-a-484273.html 


Medizinisch geprüft von:

Dr. Marcus Horstmann, geboren in Hannover, studierte Medizin in Berlin und absolvierte anschließend die Facharztausbildung für Urologie und Allgemeinchirurgie. Durch seine Tätigkeit als Abteilungsleiter in verschiedenen Krankenhäusern sammelte er 17 Jahre lang viel Erfahrung. Seine urologisch-chirurgischen Fähigkeiten schließen unter anderem Roboterchirurgie, Begradigung von Penisabweichungen oder die Implantation künstlicher Schließmuskel mit ein. 



Letzte Aktualisierung 18.10.2022


  • visa
  • mastercard
  • maestro
  • paypal
  • apple pay
  • google pay
  • klarna
  • trustly
  • bank
  • ups
  • dhl
  • trustly
  • bank
  • ups
  • dhl