Kann Impotenz rehabilitiert werden?

Eine Potenzstörung oder erektile Dysfunktion (ED) bezeichnet die Unfähigkeit, eine für den Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion zu bekommen und diese während des Aktes aufrechtzuerhalten. In Deutschland sind etwa sechs bis acht Millionen Männer von solchen Problemen betroffen. Um eine Erektion zu erreichen, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein: Ein hormonelles Gleichgewicht muss für die nötige Bereitschaft (Libido) sorgen. Die Nerven des Penis müssen richtig funktionieren, es muss einen Reiz vom Gehirn geben, der über die Nervenbahnen im Penis ankommt und die Durchblutung des Penis sollte ausreichend sein. Wenn eine oder mehrere dieser Bedingungen gestört sind, wird eine vollständige Erektion verhindert.


Was sind die Risikofaktoren für eine Erektile Dysfunktion?

Erektionsstörungen gehen sehr häufig auf Störungen der Blutversorgung zurück. Die Arterien des Penis zählen zu den störanfälligsten Blutgefäßen im gesamten Körper. Zu den Hauptrisikofaktoren für eine durchblutungsbedingte Erektionsstörung zählt das Alter. Männer im Alter von 70 Jahren haben dreimal häufiger eine ED als Männer im Alter von 40 Jahren. Auch Bluthochdruck und dessen medikamentöse Behandlung kann die Funktion der Blutgefäße auf viele Arten beeinflussen. Ebenso wie erhöhte LDL-Cholesterinspiegel im Blut, denn überschüssiges LDL-Cholesterin wird in den Arterienwänden abgelagert. Die größte Rolle bei der Entstehung von ED bei Menschen mit Arteriosklerose spielt jedoch das Rauchen. Tabakrauchen schädigt die inneren Zellen der Blutgefäßwände. Männer mit Erektionsstörungen aufgrund solcher Durchblutungsstörungen haben insgesamt ein deutlich höheres Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko!


Aber es gibt noch weitere Risikofaktoren: 10 bis 15 Prozent aller Männer in der Altersgruppe von 40 bis 80 Jahren weisen Hormonstörungen und hierbei insbesondere einen Testosteronmangel auf, welcher die Potenzstörungen bedingen oder verstärken kann. Übergewicht erhöht das ED-Risiko ebenfalls deutlich. Zudem führt ein hoher Body-Mass-Index zu niedrigen Testosteronspiegeln, was wiederum zu einer Verstärkung der Potenzstörungen führt. Eine Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) kann Nerven- und Arterienschäden verursachen, die das Erreichen einer Erektion erschweren können. Fast die Hälfte aller Männer mit Diabetes leiden auch an Potenzstörungen. 


Psychologische Faktoren wie Stress, Depressionen und Leistungsangst spielen ebenfalls eine bedeutende und auch zunehmende Rolle. Während bei Männern über 40 Jahren eher organische Störungen vorliegen, sind es bei jüngeren Männern oft psychische Gründe wie Unsicherheit und Versagensängste.


Sildenafil (Viagra) wirkt

Potenzstörungen können heutzutage in den meisten Fällen medikamentös therapiert werden. Bekannte Wirkstoffe wie Sildenafil, Vardenafil oder Tadalafil entspannen die glatte Muskulatur im Penisschwellkörper und erhöhen die Durchblutung des Penis. So können die Symptome gut verbessert werden, die Ursachen bleiben aber meist unerkannt und somit unbehandelt. Beispielsweise können schwerwiegende Risikofaktoren des Herz-Kreislauf-Systems, die bei einer Potenzstörung nicht selten zugrunde liegen, im schlimmsten Fall zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen. Wer also die zugrundeliegenden Ursachen seiner Probleme beheben möchte, dem bieten sich weitere Möglichkeiten der Therapie und Rehabilitation!


Wie kann man selbst Einfluss auf die Erektionsstörung nehmen?

Oft fehlt dem Arzt die Zeit, um mit dem Patienten ausführlich über die zugrundeliegenden Zusammenhänge und die Notwendigkeit einer Lebensstiländerung zu reden. Daher möchte ich Ihnen hier die fünf wichtigsten Säulen der erlernbaren Selbsttherapie vorstellen: 


Beckenbodentraining 

Beckenbodentraining stärkt die Muskeln und Faszien im kleinen Becken, es erhöht die Durchblutung von Penis und Hoden und ist dadurch förderlich für die sexuelle Empfindung. Es sorgt für einen verlangsamten Blutrückfluss aus dem Penis, so dass die Erektion länger aufrechterhalten werden kann. Und nicht zuletzt fördert es die Wahrnehmung der eigenen Muskulatur und durch eine gezielte Entspannung kann einer Überspannung entgegengewirkt werden.


Ausdauersport 

Von den ungesunden Lebensstilfaktoren spielt die physikalische Inaktivität die größte Rolle. Ausdauersport verbessert die arterielle Sauerstoff- und Blutversorgung des Penis. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen mindestens 150-300 Minuten moderate Aktivität oder 75-150 Minuten intensive Aktivität pro Woche. Intensive Aktivitäten, wie z.B. Laufen, schnelles Radfahren oder viele Mannschaftssportarten, führen zu einer schnelleren Atmung und einem deutlichem Pulsanstieg. Zu den moderaten Bewegungen zählen Gartenarbeit, Tanzen, Spazierengehen mit dem Hund. Dabei gilt jegliche Bewegung ist besser als keine! Alles was den Puls etwas nach oben bringt, sorgt für einen Effekt. Wenn man den Alltag ein bisschen aktiver gestaltet, erreicht man die vorgegebene Zeit relativ einfach. Treppe statt Aufzug, zur Arbeit mit dem Rad fahren oder einfach mal eine Haltestelle vorher aussteigen und zu Fuß nach Hause gehen. Für weitere Gesundheitsvorteile empfiehlt es sich an 2 Tagen in der Woche zusätzlich alle großen Muskelgruppen mit Krafttraining zu aktivieren.     

                                                                                          

Ernährung

Vollwertig essen und trinken hält gesund, fördert die Leistung und das Wohlbefinden. Laut Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gelten folgende Regeln für eine gesunde Ernährung: Nutzen Sie die Lebensmittelvielfalt und essen Sie abwechslungsreich. Genießen Sie mindestens drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst am Tag. Bei Getreideprodukten wie Brot, Nudeln, Reis und Mehl ist die Vollkornvariante die bessere Wahl. Verzehren Sie Milchprodukte wie Joghurt und Käse täglich, Fisch ein bis zweimal pro Woche. Wenn Sie Fleisch essen, dann nicht mehr als 300 bis 600 g pro Woche und versuchen sie vor allem, rotes Fleisch zu reduzieren. Nutzen Sie gesundheitsfördernde Fette und bevorzugen Sie pflanzliche Öle wie Rapsöl. Vermeiden Sie gesüßte Lebensmittel und setzen Sie Zucker sparsam ein. Sparen Sie auch an Salz und würzen Sie stattdessen mit Kräutern und Gewürzen. Achten Sie auf eine schonende Zubereitung, denn sie erhält den natürlichen Geschmack und schont die wertvollen Nährstoffe. Trinken Sie rund 1,5 Liter jeden Tag. Am besten Wasser! Alkoholische und mit Zucker gesüßte Getränke sind nicht empfehlenswert. Gönnen Sie sich eine ausgiebige Pause für Ihre Mahlzeit, denn langsames, bewusstes Essen fördert den Genuss und das Sättigungsempfinden.


Mentale Übungen

Eine lustvolle Sexualität und eine stabile Erektion brauchen eine gute Balance zwischen sexueller Erregung und Entspannung. Achtsamkeitsübungen führen zu einer Stressreduktion und somit zur Vermeidung einer Überaktivität des Stress-Nervensystems „Sympathikus“. Sein Gegenspieler, der „Parasympathikus“ fördert die sexuelle Erregung und die Erektion. Daher ist Entspannung wichtig, um Lust und Stimulation in ausreichendem Maße empfinden zu können. Entspannungsübungen zielen also darauf ab, die innere Ruhe zu finden.


Sexualtherapeutische Übungen

Zentrale Emotion bei der erektilen Dysfunktion sind Schamgefühle. Sexualtherapeutische Übungen helfen hier, indem Sie über Körperwahrnehmung an einem positiven Körperbewusstsein arbeiten. Auch andere psychologische Faktoren wie zum Beispiel Versagensängste gehen oft mit einer ED einher. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Aufrechterhaltung von Ängsten und der Erektionsstörung, nämlich Vermeidungsverhalten: Je stärker eine sexuelle Situation vermieden wird, umso größer wird die Erwartungsangst. Je größer dann die Erwartungsangst ist, umso mehr wird wiederum Sexualität vermieden - ein Teufelskreis. Ein offener Umgang in der Partnerschaft über die gegenseitigen Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse offenbart hingegen ganz neue, angenehme und lustvolle Erfahrungen und stellt den Kontakt und das Vertrauen zueinander wieder her. 


Zusammenfassend kann ich Sie also nur motivieren, den Ursachen Ihrer Erektionsstörung auf den Grund zu gehen und alle angebotenen Unterstützungen und Therapieangebote zu nutzen. Nur so haben Sie die große Chance, durch eine aktive Änderung des Lebensstils langfristig positiven Einfluss auf Ihre Beschwerden zu nehmen!



Quellen:

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2.  Ibrahim, A., Ali, M., Kiernan, T. J., & Stack, A. G. (2018). Citation. European Cardiology Review, 13(2), 98–103. https://doi.org/10.15420/ecr.2017.21.3 

3.  Dorey, G., Speakman, M. J., Feneley, R. C. L., Swinkels, A., & Dunn, C. D. R. (2005). Pelvic floor exercises for erectile dysfunction. BJU International, 96(4). https://doi.org/10.1111/j.1464-410X.2005.05690.x 

4. Silva, A. B., Sousa, N., Azevedo, L. F., & Martins, C. (2017). Physical activity and exercise for erectile dysfunction: Systematic review and meta-analysis. In British Journal of Sports Medicine (Vol. 51, Issue 19). https://doi.org/10.1136/bjsports-2016-096418 

5.  Cheng, J. Y. W., Ng, E. M. L., Ko, J. S. N., & Chen, R. Y. L. (2007). Physical activity and erectile dysfunction: Meta-analysis of population-based studies. In International Journal of Impotence Research (Vol. 19, Issue 3). https://doi.org/10.1038/sj.ijir.3901521 

6.  Esposito, K., Ciotola, M., Giugliano, F., De Sio, M., Giugliano, G., D’Armiento, M., & Giugliano, D. (2006). Mediterranean diet improves erectile function in subjects with the metabolic syndrome. International Journal of Impotence Research. https://doi.org/10.1038/sj.ijir.3901447 

7.  Bossio, J. A., Basson, R., Driscoll, M., Correia, S., & Brotto, L. A. (2018). Mindfulness-Based Group Therapy for Men With Situational Erectile Dysfunction: A Mixed-Methods Feasibility Analysis and Pilot Study. Journal of Sexual Medicine, 15(10). https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2018.08.013 


Medizinisch geprüft von:

Dr. Christoph Pies

Dr. med. Christoph Pies, Jahrgang 1970, studierte Medizin in Bochum und Düsseldorf, bevor er in einer Kölner Klinik seine Berufung zum Urologen fand. Auslandsaufenthalte führten ihn in Kliniken in der Schweiz und den USA (Houston, New York, Los Angeles). Nach seiner Facharztausbildung und Oberarzttätigkeit wurde er 2004 niedergelassener Urologe in der Nähe von Aachen. Er verfügt über die Zusatzbezeichnungen Andrologie und Medikamentöse Tumortherapie. Dr. Christoph Pies ist seit 2020 bei Apomeds dabei.


Letzte Aktualisierung: 07.02.2022

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