Historische Entwicklung der Verhütungsmittel

Verhütung in alten Zeiten

So lange es Menschen gibt, so lange besteht der Wunsch, Sex zu haben ohne dass es zu einer Schwangerschaft kommt. Natürlich ist heute nicht bekannt, wie man vor mehreren 10.000 Jahren verhütet hat, aber die älteste Methode ist sicherlich der Coitus interruptus, der "unterbrochene Verkehr", also der vaginale Verkehr mit dem Samenerguss ausserhalb der Scheide. Eine Felsmalerei aus der Steinzeit zeigt einen Mann mit einer sonderbaren Hülle um den Penis, ein Kondom?

Die ersten nachweisbaren Verhütungsmittel waren vor ca. 5000 Jahren eine Art Kondome, die aus Fischblasen, Schafsdärmen oder Leinenhüllen bestanden. Ungefähr 1500 vor Christus legten sich Frauen eine Mischung aus Honig, Akazienblättern und Watte in die Scheide ein, um das Aufsteigen von Samenzellen zu verhindern. In der Antike gab es 413 Rezepte für Verhütungs- und Abtreibungsmittel, z.B. Säfte von Efeu oder Weidenblättern, zerstossener Krokodilskot, hüpfen, niesen, einem Frosch drei mal ins Maul zu spucken usw. Charles Goodyear, man kennt ihn von den Autoreifen, fertigte 1855 das erste Latexkondom an, das ab 1870 in Serienherstellung ging. Es war damals 2 mm dick, also das 33-fache der heute üblichen 0,06 mm. Das Präservativ spielt darüber hinaus eine sehr wichtige Rolle in der Vermeidung der Übertragung von Geschlechtskrankheiten.

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Spirale

Während langer Karawanenzüge wurden den weiblichen Kamelen kleine Kieselsteine in die Gebärmutter eingelegt, um sie vor einer Schwangerschaft zu schützen, eine Frühform der Spirale.

1909 erfand der polnische Arzt Richard Richter den Vorläufer der Spirale, einen mit Seide umwickelten Ring aus Darm. In den 20er Jahren verbesserte der Berliner Gynäkologe Ernst Gräfenberg diese Methode mit einem Ring aus Seide, der später noch mit einem Silberdraht umwickelt wurde und die Sicherheit weiter erhöhte. Er "entdeckte" übrigens auch die Gräfenberg-Zone, den G-Punkt. Es wurden im Laufe der Jahre ganz unterschiedliche Formen entwickelt, aus dem Ring wurde eine gewundene Schlange, eine Platte mit Zacken, eine Sieben, ein Ei mit Zacken, bis zu den heute hauptsächlich verwendeten T-Formen und der sehr kleinen Kupferkette, die mit einem Knötchen in der Gebärmutterwand verankert wird. Statt Kupferdraht wurde auch Silber oder Gold auf dem T angebracht. Vor allem die Zugabe eines die Blutung und die daraus folgenden Schmerzen verringernden Hormons auf die Spirale erwies sich als erheblicher Fortschritt in der Akzeptanz dieses Verhütungsmittels. Durch diese Entwicklungen wurden vor allem die damals noch häufigen und schwerwiegenden Komplikationen verringert, die bis heute noch die Diskussionen beherrschen: Spiralen machten schwere Entzündungen, seien deshalb nicht für junge Frauen geeignet, die noch nicht geboren haben usw. Argumente, die mit den heutigen Präparaten als widerlegt gelten können.

Abzählmethode Knaus-Ogino

Die Methode zur Ermittlung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage ist benannt nach dem Japaner Kyūsaku Ogino und dem Österreicher Hermann Knaus, die sie auf unterschiedlichen Wegen und unabhängig voneinander 1930 entwickelten. Die Tage errechnen sich nach folgender Formel: Erster fruchtbarer Tag = Kürzester bisheriger Zyklus, minus 18 Tage, Letzter fruchtbarer Tag = Längster bisheriger Zyklus, minus 11 Tage

1951 wurde diese Methode von Papst Pius XII als einzige von der katholischen Kirche akzeptierte Verhütungsmethode erklärt. Selbst bei einem regelmässigen Zyklus von 25-31 Tagen müsste der Verkehr vom 7. bis 20. Tag ausgelassen werden, noch viel seltener könnte er bei unregelmässiger Blutung stattfinden.

Antibabypille

1921 veröffentlichte der Österreicher Ludwig Haberlandt die ersten Gedanken zu einer Verhütung mit hormonell wirksamen Tabletten, konnte diese aber wegen seines frühen Todes nicht mehr verwirklichen. Carl Clauberg, ein Mediziner im Konzentrationslager Auschwitz, schuf dann in furchtbaren Menschenversuchen die Grundlagen für die Pille. Vor allem der aus Wien in die USA emigrierte Chemiker Carl Djerassi wird als "Vater der Pille" bezeichnet, da ihm 1951 die erste künstliche Herstellung eines Gelbkörperhormons (Gestagens) gelang. Gregory Pincus und John Rock produzierten damit 1957 ein Mittel gegen Menstruationsbeschwerden, das sie an Slumbewohnerinnen in Puerto Rico testeten. 1960 erhielt dieses Medikament in den USA die Zulassung als Verhütungsmittel unter dem Namen Enovid. 1961 erschien dann eine Weiterentwicklung unter dem Namen Anovlar auch auf dem deutschen Markt. Da man befürchtete, die Pille könne zur unkontrollierten Unzucht führen, wurde sie bis Ende der 60er Jahre nur von wenigen Frauenärzten nur an verheiratete Frauen, mindestens 30 Jahre alt und mit mehreren Kindern, verschrieben. Trotz der 1968 erlassenen Enzyklika Humanae vitae durch Papst Paul VI., die die Pille für Katholiken praktisch verbot, da „jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben“ müsse, stieg der Anteil der damit verhütenden Frauen von damals 0,3 % auf heute 47% der sexuell aktiven erwachsenen Frauen an. In den letzten Jahren hat sich eine gewisse "Pillenmüdigkeit" entwickelt, befeuert durch das mediale Aufbauschen der sicherlich vorhandenen Komplikationen, die aber durch eine gute Beratung und Auswahl der zur jeweiligen Anwenderin passenden Pille sehr gering gehalten werden können. Natürlich kann die Untersuchung auch zur Verweigerung eines Rezeptes führen, wenn gewisse Risikofaktoren vorliegen. Neben der Verhütung bietet die Pille zahlreiche Vorteile, Regulierung der Blutungsabstände, Verringerung der Stärke und der Schmerzen, mögliche positive Wirkung auf Haut und Haare usw. Es gibt heute zahlreiche Varianten, Ein-, Zwei-, Drei-, Vierphasenpillen, reine Gestagenpillen, Pillen mit einem Gestagen, die den Wasserhaushalt regulieren können, gegen Akne, Haarausfall, vermehrten Haarwuchs am Körper wirksam sind, als Wochenpflaster aufgeklebt oder als 3-Wochenring in die Scheide eingeführt werden.

Auch die "Pille danach" basiert auf diesem Wirkmechanismus.

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Dreimonatsspritze, Implantat, reine Gestagenpillen

Die Vorzüge des reinen Gestagens (geringeres Thromboserisiko, Unterdrückung der Blutung) führten zur Entwicklung der Dreimonatspritze vermutlich in den 70er Jahren, genau lässt sich das nicht mehr ermitteln. Das hat natürlich den Vorteil, dass man nicht jeden Tag an die Pille denken muss. Nachteile sind: es kann länger dauern, bis die Blutung nach dem Absetzen wieder kommt, die Knochensubstanz wird geschwächt. Empfehlenswerter sind reine Gestagenpillen, die zunächst als sehr pünktlich einzunehmende Minipillen erschienen. Die heutigen können im selben Zeitfenster wie die Kombinationspille (12 Stunden) genommen werden. Eine noch sanftere Form durch eine noch geringere Hormonabgabe ist das ca. im Jahre 2000 erschienene Implantat, das unter die Haut des Oberarms geschoben wird und für 3 Jahre eine sichere Verhütung garantiert.

Sterilisation

Die erste beschriebene chirurgische Sterilisation der Frau durch Durchtrennung der Eileiter datiert aus dem Jahr 1850, die erste Durchtrennung der Samenleiter beim Mann wurde 1890 beschrieben. Es wurden allerdings im Rahmen der französischen Revolution bereits Adlige zwangssterilisiert, ebenso wie Ende des 19. Jahrhunderts in den USA jugendliche Gefangene wegen ihres "Hangs zu häufigen Masturbationen". Im 3. Reich kam es dann zum grausamen Höhepunkt der Zwangssterilisation an "Erbkranken". In Deutschland sind heute 8 % aller Frauen und 3 % aller Männer im reproduktionsfähigen Alter sterilisiert. Die Tendenz ist rückläufig wegen der Vielzahl an Alternativen.

Wenn man sich die historische Entwicklung ansieht, können wir uns heute glücklich schätzen, so viele sichere, auf alle Bedürfnisse und Wünsche zugeschnittene Verhütungsmittel zur Verfügung zu haben.

Medizinisch geprüft von:

Dr. Walter BrinkerDr. med. Walter Brinker ,studierte Medizin in Köln. Nach seiner Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe und mehrjähriger Oberarzttätigkeit liess er sich in Remscheid nieder, wo er heute mit 2 Kolleginnen eine Gemeinschaftspraxis führt. Er wurde u.a. in USA, China, Polen, Kongo, Zimbabwe ausgebildet und hat dort später unterrichtet. So ist er auch im Besitz der amerikanischen Approbation. In Deutschland leitet er Seminare über Verhütungsmittel. Durch seine Auslandstätigkeit ist er ebenfalls in Reisemedizin fortgebildet und betreut Reisegruppen auf exotischen Reisen weltweit als Arzt.

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Letzte Aktualisierung am: 28.02.2021