Mythen und Fakten zu erektiler Dysfunktion

 Mann, der einer Pyramide von Fragezeichen gegenübersteht

Um eine erektile Dysfunktion, auch Potenzstörung genannt, ranken sich eine Reihe von Mythen, die sich nicht belegen lassen in den Köpfen vieler, aber trotzdem sehr präsent sind. Diese sollten dringend widerlegt werden, denn in einigen Fällen tragen sie „nur“ zu einer Stigmatisierung von Erektionsproblemen bei, in anderen könnten sie den Betroffenen tatsächlich gefährlich werden. Im Folgenden gibt es eine Auflistung der häufigsten Mythen rund um ED und die dazugehörige Richtigstellung. 

Männer mit Erektionsstörungen haben kein oder nicht genug sexuelles Verlangen

Das ist so nicht richtig. Bei einer Erektionsstörung, aus welchen Gründen auch immer sie auftritt, ist der Mann trotz sexueller Erregung nicht in der Lage, eine Erektion zu bekommen. Das spielt auch in den großen Leidensdruck der Betroffenen mit hinein, denn häufig denken sie sich: „Aber ich will doch unbedingt, kann aber nicht“. Gleichzeitig fühlen sich häufig Partner:innen von Betroffenen verantwortlich, da sie davon ausgehen, sie seien „nicht attraktiv“ genug. 

Erektionsstörungen können entweder psychische Ursachen haben, etwa Traumata, geringes Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl, Probleme in der Beziehung oder häufiger auf körperliche Ursachen zurückzuführen sein. In beiden Fällen sind die Betroffenen aber sexuell erregt. Das ist bereits in den Diagnosekriterien mit inbegriffen, dass eine Erektion trotz sexueller Erregung nicht zustande kommt oder aufrechterhalten werden kann. [1]

Männer mit Erektionsstörungen sind „keine richtigen Männer“

Dazu gibt es nicht besonders viel zu sagen, außer dass sich diese Einstellung auf ein veraltetes Männerbild zurückführen lässt und nebenbei extrem „queerfeindlich“ ist. Ein „Mann“ muss keinen Penis haben, um ein Mann zu sein, und ein Mann mit Penis muss auch keine Erektion bekommen können, um ein genauso gleichwertiger Mann zu sein wie alle anderen. [2]

Nur ältere Männer können Erektionsprobleme bekommen

Obwohl die Wahrscheinlichkeit, an einer erektilen Dysfunktion zu leiden, mit steigendem Alter zunimmt, ist es keineswegs so, dass nur ältere Männer Erektionsstörungen entwickeln können. Sowohl die körperlichen Ursachen als auch die psychischen Ursachen für Erektionsprobleme können genauso bei jungen, wie auch bei älteren Betroffenen auftreten. 

Die Prävalenz von erektiler Dysfunktion liegt bei Deutschen in ihren 30ern bei etwa 2,3 % und steigt in den 70ern auf 53,4 %. Das heißt, es ist zwar unwahrscheinlicher, in jungen Jahren bereits betroffen zu sein, ist aber keineswegs ausgeschlossen. [3]

Alle Erektionsprobleme sind auch erektile Dysfunktion

Das stimmt so nicht. Denn von einer erektilen Dysfunktion wird erst gesprochen, wenn das Problem länger als sechs Monate auftritt und in mehr als zwei Drittel der Fälle einen penetrativen Geschlechtsverkehr unmöglich macht. Um eine erektile Dysfunktion zu diagnostizieren, sind eine ganze Reihe von Tests nötig. Unter anderem Gespräche mit psychologischem und urologischem Fachpersonal, in denen nicht nur die sexuelle und medizinische Geschichte abgefragt wird, sondern auch ein Eindruck von der mentalen Gesundheit der Betroffenen gemacht wird. Körperliche Tests, etwa eine, die nächtliche Erektionen misst, können zusätzlich helfen, um eine erektile Dysfunktion zweifelsfrei zu diagnostizieren. Der Unterschied zu „Erektionsstörungen“, was keine klinische Diagnose darstellt, ist, dass diese jeder bei sich selbst feststellen kann. Sie sind allerdings in den meisten Fällen der Ausgangspunkt, von dem eine Diagnose auf ED gestellt wird. [1] [4]

Es ist alles nur in deinem Kopf

Obwohl es sein kann, dass Erektionsstörungen psychische Ursachen haben, sind sie sehr reale Probleme. Diese zu minimieren und klein zu machen, hilft den Betroffenen nicht, die Probleme zu überwinden. Im Gegenteil kann zusätzlicher Stress, der durch eine solche Nicht-Akzeptanz der Krankheit entsteht, das Problem sogar noch verschlimmern. [1]

Erektionsstörungen kommen nur bei Beziehungsproblemen

Da an vielen Stellen immer wieder betont wird, wie wichtig psychische Aspekte für die Entwicklung von Erektionsstörungen sind, geht dabei manchmal unter, dass es außer den psychischen noch deutlich mehr mögliche Ursachen gibt. Bereits die psychischen Faktoren, die zu erektiler Dysfunktion führen können, sind so vielfältig, dass sie sich nicht allein auf Beziehungsprobleme herunterbrechen lassen können. Andere Gründe könnten beispielsweise Angst, Stress und Konflikte in ganz anderen Lebensbereichen sein, aber auch Depressionen oder Minderwertigkeitsgedanken sind mögliche psychische Ursachen. 

Genauso können auch körperliche Veranlagungen und Krankheiten dazu führen, dass sich eine erektile Dysfunktion entwickelt. Besonders häufig sind beispielsweise Durchblutungsstörungen, Testosteronmangel oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten. [1]

Zu enge Kleidung führt zu Erektionsstörungen

Die Kleidung hat keinen Einfluss darauf, ob sich Erektionsstörungen beim Mann entwickeln. Damit enge Jeans oder Unterhosen die Durchblutung so nennenswert beeinträchtigen, dass davon die Erektionsfähigkeit betroffen wäre, müssten diese mit einem extrem hohen Druck auf den Bauch- oder Oberschenkelbereich wirken. Und das dauerhaft. Bei dauerhaft so hoher Druckausübung auf die Arterien im Oberschenkel wären Erektionsprobleme wahrscheinlich das geringste aller Probleme.

Es gibt keine effektive Therapie gegen Erektionsstörungen

Es gibt viele effektive Therapien gegen Erektionsstörungen. Dabei müssen als Erstes die Ursachen festgestellt werden, woraufhin danach gemeinsam mit einem Team aus verschiedenen Spezialisten die effektivsten Strategien erarbeitet werden. Von Beckenbodentraining, über Ernährungsumstellung, bis zur Psychotherapie gibt es viele Ansätze, die auch ohne Medikamente auskommen. [1]

Kräuter können gegen Erektionsstörungen helfen

Bisher hat die Wissenschaft keine eindeutigen Beweise für die Effektivität von natürlichen Potenzmitteln finden können.

Viagra ist die einzige Behandlung, die für ED verfügbar ist

Neben den zahlreichen Therapien, die ohne Medikamente auskommen, gibt es neben Viagra auch eine Reihe anderer medikamentöser Behandlungen für die erektile Dysfunktion. Nicht nur PDE-5-Hemmer, so wie Viagra einer ist, sondern auch Schwellkörperinjektionstherapien oder Schwellkörperimplantate können zum Einsatz kommen. [1]

Alle Potenzmittel funktionieren genau gleich

Obwohl die meisten bekannten Potenzmittel mit der gleichen Wirkstoffgruppe arbeiten, PDE-5-Hemmern, gibt es auch Therapien, die auf diese Wirkweisen komplett verzichten. [1]

Erektionsstörungen sind gesundheitlich unbedenklich

Erektionsstörungen sind keineswegs gesundheitlich unbedenklich. Häufig sind sie frühe Anzeichen von schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen. Durchblutungsstörungen oder Blutdruckprobleme können in der frühen Phase zwar Erektionsstörungen auslösen, in ihrem weiteren Verlauf können sie allerdings auch zu Schlaganfällen führen. Eine frühe medizinische Evaluation von Erektionsproblemen ist daher unbedingt empfohlen. Auf diese Art können grundlegende Probleme frühzeitig erkannt und behandelt werden. [2]

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Quellen:

[1] Apotheken Umschau, Dr. Irmela Manus, 11.11.2019, „Erektile Dysfunktion: Ursachen und Behandlung“;https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/erkrankungen-der-maennlichen-geschlechtsorgane/erektile-dysfunktion-ursachen-und-behandlung-737345.html 

[2] BR Extra, 8.9.2021, „Toxische Männlichkeit“; https://www.br.de/extra/respekt/toxische-maennlichkeit-rollenerwartungen100.html 

[3] Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Prof. Dr. Carl-Albrecht Haensch, 29.5.2018, „Diagnostik und Therapie der erektilen Dysfunktion“; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-112l_S1_Erektilen_Dysfunktion_Diagnostik_Therapie_2018-05.pdf 

[4] National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Juli 2017, “Diagnosis of erectile Dysfunction”; https://www.niddk.nih.gov/health-information/urologic-diseases/erectile-dysfunction/diagnosis 


Medizinisch geprüft von:

 Dr. Marcus Horstmann, geboren in Hannover, studierte Medizin in Berlin und absolvierte anschließend die Facharztausbildung für Urologie und Allgemeinchirurgie. Durch seine Tätigkeit als Abteilungsleiter in verschiedenen Krankenhäusern sammelte er 17 Jahre lang viel Erfahrung. Seine urologisch-chirurgischen Fähigkeiten schließen unter anderem Roboterchirurgie, Begradigung von Penisabweichungen oder die Implantation künstlicher Schließmuskel mit ein. 


Aktualisiert am 26.12.2022